Vor ein paar Tagen sah ich auf arte.tv eine Dokumentation über Andreas Gursky, einen deutschen Foto-Künstler. Der Film begleitete ihn und seinen Assistenten bei der Arbeit an einer neuen großformatigen Fotografie, die Kleidung in einer Schwarzkaue (Umkleideraum für im Bergbau Arbeitende) zeigen sollte. Da in einem Bergwerk arbeitenden Menschen in der Weißkaue ihre Straßenkleidung ablegen und nackt in die Schwarzkaue gehen, fing die Kamera des Filmteams diverse nackte Körper ein, teilweise frontal und mit dazugehörigem Gesicht, was eine Identifizierung der gefilmten Personen möglich machte. Wenn ich also eine der Personen gekannt hätte, hätte ich sie in diesen Aufnahme auch erkannt. Als ich diese Szenen sah, fragte ich mich Verschiedenes. Wurden diese Personen darüber informiert, dass sie in der Dokumentation auf diese Weise zu sehen sein werden? Hatten sie eine Vetomöglichkeit, hätten sie die Veröffentlichung verhindern können, wenn sie gewollt hätten? Wieso wurden überhaupt diese Aufnahmen gedreht, wieso nichts gegen die mögliche Identifizierung unternommen?
Im weiteren Verlauf des Films fotografierte Gursky einige als “Portugiesen” bezeichnete Handwerker, die zum großen Teil kein Deutsch zu verstehen schienen und somit vielleicht auch nicht, worum es ging, um sie im Hintergrund des Bergwerksfotos zu drapieren. Dies stieß mir unangenehm auf, als ich das Ende des Films sah: Ein Millionär erzählte von seiner Gursky-Sammlung und davon, dass er das Bergwerksbild erworben habe. Der Erzähler erwähnte, dass für ein anderes Bild Gurskys bei einer Auktion mehrere Millionen Dollar gezahlt wurden. Ich fragte mich somit: Sollten die “portugiesischen” Männer, die im Kunstwerk zwar unkenntlich sind, aber dennoch als wichtige Bestandteile vorkommen, eine Beteiligung am Verkaufspreis des Kunstwerks erhalten? Wie ist es eigentlich um die Persönlichkeitsrechte von von Künstlerinnen* und/oder Fotografinnen* abgelichteten Personen bestellt? Werden die abgebildeten Personen um ihr Einverständnis gebeten? Vermutlich nicht oft. Haben diese Personen eine Lobby? Sollten nicht vor allen Dingen verletzte Kinder, von Unglücken/Gewalt/anderem betroffene, weinende Menschen darüber informiert werden, dass da gerade jemand ein Foto von ihnen gemacht hat, das die Fotografin* an zig Zeitungs- und Fernsehredaktionen und Nachrichtendienste verkaufen wird, mit dem die Künstlerin* oder Fotojournalistin* vielleicht einen internationalen Fotopreis gewinnt? Und was ist eigentlich mit all den fotografierten toten Menschen?
Zu dieser Thematik, die mich ehrlich gesagt sehr aufwühlt, verwirrt und wütend macht, passt die Arbeit des niederländischen Künstlers Renzo Martens. Er dokumentiert in seinem Film “Enjoy Poverty” die Irrsinnigkeit der Vermarktung von Armut und stellt die These auf, dass von Armut betroffene Menschen ihre Armut zu Geld machen (können) sollten, indem sie zum Beispiel selbst das Elend vor Ort fotografieren und ihre Fotos lukrativ an Agenturen verkaufen. Das Scheitern dieses Gedankens und viele andere verstörende Erkennt- und Erlebnisse sind in seiner Dokumentation zu sehen. Sehr sehenswert!